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Designer or Decorator?

10. Februar 2014

ich bin gelangweilt von der werbeszene und will nicht dorthin, um weiterzumachen wie bisher. ich will auch keine goldenen regeln lernen und auch nicht mehr hören, dass die guten ideen in der kneipe kommen. das mag zwar alles sein, aber ich will wenn nötig schwitzen für das, wovon ich überzeugt bin, und das kann potentiell alles sein, was eben überzeugend ist.

ich kann nur blind vermuten, wer schuld an meinem oft ernüchternden eindruck ist. sind es die kreativen, die es nicht können? glaube ich nicht. sind es die agenturen, die nicht wollen? glaube ich nicht. sind es die kunden die sich nicht trauen? vielleicht. war es vielleicht zu wenig kommunikation?

wahrscheinlich geht es darum, den verantwortlichen und den entscheidern etwas zu liefern, das man nirgendwo kaufen kann: sicherheit. sichere entscheidungen mit einem guten gefühl im bauch. meinetwegen auch auf dem papier. vertrauen auf gute produkte, nicht nur auf gute werbung. die braucht nämlich kein mensch.

lasst uns bitte aufhören werbung zu machen. lasst uns bitte aufhören, menschen überzeugen zu wollen. lasst uns etwas überzeugendes machen.

es geht mir nicht darum, mich nur zu beschweren. ich möchte versuchen einen vorschlag zu machen. ich glaube einfach, dass wir mehr leute davon überzeugen müssen, kritisch sein zu dürfen und zu können. jeder gestalter sollte sich jeden tag die selbe frage stellen: bin ich gestalter oder dekorateur? will ich verpacken, was man mir gibt, oder will ich in einen gestaltungsprozess gehen, der mehr herausbringt, als die summe der einzelnen teile? wenn ich gestalten möchte, muss ich fragen stellen können.

Wer fragt, dem wird gegeben.
Wer nachfragt, dem wird mehr gegeben.

kundenausderhoelle
kunden.ausderhoelle.de sehe ich mit einem lachenden und einem weinenden auge.

im stumpfen umsetzen liegt auch das wahre problem des preis- und lohndumpings und des zynismus gegenüber kunden. darin liegt diese verdrossenheit – „verdammte kunden mit ihren korrekturwünschen“. die kommen nur, wenn ich es als gestalter zulasse mich als dekorateur zu verhalten. die kommen nicht, wenn vertrauen herrscht. die kommen nicht, wenn die ziele auf beiden seiten stimmen und man ausführlich und ehrlich darüber gesprochen hat. klar gibt es auch in einem gestaltungsprozess gegensätzliche meinungen, aber die muss es geben. sie führen jedenfalls zu mehr, als ein dekorationsprojekt zu einem neuen konzept führt. wenn der grundriss meines hauses nicht schön ist, helfen mir auch keine gardinen mehr.

man muss nur einmal überlegen, wieviel sinnvoller ein offenes gespräch ist, anstatt etwas gleich noch einmal zu überarbeiten. 30 sekunden nachfragen und diskutieren sparen vielleicht 30 stunden überarbeiten.

wir sind nicht dazu da, den kunden zu liefern, was sie wollen. wir sind nicht dazu da zu fragen: was gefällt ihnen denn? wie sollen wir es machen? wir sind nicht dazu da, solange weiter zu machen, bis der kunde „gefällt mir!“ schreit. wir sollten fragen: was brauchen denn ihre kunden? was wollen sie erreichen? das wird jeder verstehen. jeder entscheider. jeder inhaber. wer traut sich denn, zu sagen: „es muss nicht ihnen gefallen. vielleicht noch nichtmal ihren kunden. es muss ihren kunden etwas bringen. was können sie ihren kunden bieten?“
wie das am besten kommuniziert wird, ist unsere aufgabe – dafür werden wir bezahlt, undzwar gut. denn wir schlafen mit der fragestellung ein und wachen damit auf. monatelang. oft jahrelang, wenn wir ehrlich dahinter sind. und das ziel muss heute mehr sein, als nur eine nette verpackungsidee. eine gute headline. ein tolles bildchen. tolle werbung.

Let’s collaborate

wenn man die grenzen zwischen agenturen, gestaltern, ingenieuren, produktdesignern erstmal wegnimmt, sind da viele chancen. es gibt soviele gute beispiele, die das beweisen. ich erlaube mir sogar zu behaupten, die erfolgreichsten produkte und kampagnen haben etwas mit den geringen grenzen zwischen genau diesen disziplinen zutun. egal wie es dann im detail aussah: erst muss man mal mehr sein wollen, als nur schwarzes loch für etats. und man muss kommunizieren wollen – und ich glaube jeder kann das, wenn der wille erst einmal da ist.

wenn ein restaurant kommt und sagt „wir hätten gerne neue speisekarten“, dann ist es unsere aufgabe nachzufragen: „warum?“
denn wir wissen doch gar nicht, was und wieviel sich der kunde schon gedacht hat. wir wissen nicht, ob das eigentliche problem woanders liegt, und ob nicht die dreißig sekunden fragen „was ist denn das eigentliche ziel?“ am ende ein völlig neues restaurantkonzept hervorgebracht hätte.

Modern times, truthful times

der modus „tarnen und täuschen“ ist vorbei. heute ist jeder hyperinformiert. das „das würde ich besser verschweigen, das ist negativ“ ist vorbei. es kommt raus. doppelt und dreifach – und eine multimillionen-dollar-kampagne kann locker vom youtube-video von irgendwem aus irgendwo, aufgenommen mit einem 8 jahre alten handy mit schmutziger linse überholt werden. Das „hier ist alles super“ ist vorbei. denn wo war bitte jemals alles super? wo sind bitte jemals keine fehler passiert? welches unternehmen, welche organisation, darf bitte keine fehler machen? – das ist die frage. was ist daran schlimm, wenn man einmal negativ bewertet wird? es ist doch erst dann schlimm, wenn eine negative bewertung ihre berechtigung hat und wenn dann niemand darauf reagiert. aber wenn man die courage hat, jede kritik ehrlich dankend anzunehmen, dann wird auch von konsumenten die courage zurückkommen, sobald ein fehler behoben ist. dann darf man auch ehrlich sagen: wer negativ kommentiert, der kann auch positiv kommentieren, sobald ein fehler beseitigt ist.
aber hier verschwinden immernoch massenweise kritische kommentare. hier wird immernoch lieber nichts gesagt. hier wird immernoch in floskeln geantwortet und im firmendeutsch gesprochen. und der grund ist die angst schlecht dazustehen. und was passiert? am ende stehen sie noch schlechter da – dann ist es zu spät.

„Eine Frage hätte ich da noch”

wir lernen zu tausenden wie man bilder gestaltet, wie man richtig photoshopped und ausleuchtet, wie man gelecktes bildmaterial erzeugt und wie man gute kampagnen konzipiert. wir lernen wie ein guter text aussieht, wir lernen typographie. wir lernen soviel, können soviel, und es ist wichtig. aber wo lernt man die courage und die überzeugung, fragen zu dürfen? es ist doch die angst vorm geldgeber und die oft noch größere angst vorm potentiellen geldgeber, über die keiner redet. es ist die alte leier. wo ist das riesen transparent in jeder gestaltungsklasse auf dem groß steht: YOU MAY ASK QUESTIONS.

Solange wir noch fragen stellen, sind wir offen. Solange fragen am anfang eines prozesses stehen, können wir probleme erst finden. Erst ein gefundenes problem kann gelöst werden. Nichts wird sich bedeutend ändern, wenn wir einen Auftrag einfach akzeptieren, weil wir gleich an die Rechnung denken. nichts wird sich ändern, wenn wir einfach umsetzen, was man uns sagt. wo ist die augenhöhe? wo sind die fragen? are we designers, or are we decorators?

gestaltung passiert im kopf. und unser kopf wird angetrieben von gedanken und worten. (nicht von stiften. nicht von skizzen. nicht von photoshop, indesign, oder illustrator. nicht von typographie, nicht von webseiten. nicht von pinterest. nicht von fotos, nicht von models.) worte erzeugt man mit fragen. fragen müssen offen sein, sonst bleibt das hirn zu. das mächtigste werkzeug wird am ende immer das wort sein. das schärfste skalpel der welt ist nicht aus metall. es ist eine frage, die mit W beginnt. Wieso? Wofür? Warum? Wie?

Die neue geschichte mit dem Hammer

ein tischler wird mit jedem hammer gut umgehen können, egal ob er hundert jahre alt ist, oder gerade gekauft. auch einen schlechten hammer werden die geschickten finger ausgleichen können – die erfahrung, wie es sich anfühlen muss, genau auf einen winzigen punkt mit vollkommen gut dosierter kraft zu schlagen, sodass das holz nicht reisst, der nagel sich nicht verbiegt. in diesem moment sind tausende muskelfasern in genau der richtigen kondition, alles konzentriert sich nur für diese milliskeunden und ein gutes ergebnis.

aber ist nicht eigentlich viel wichtiger zu wissen wo der nagel hinkommt? oder vielleicht wäre eine schraube viel sinnvoller gewesen. und hier liegt die arbeit schon eher.
doch der beginn lag vor allem im kopf. mit worten.

„hallo, ich brauche einen tisch“, sagte der interessent.

ja, aber: „warum? was muss er können, wie muss er aussehen, welches ziel soll dieser tisch erreichen? zum dran essen, arbeiten, schneiden, im stehen, wo steht er? wieviel muss er aushalten können?“ und vor allem:

„wie kommen sie eigentlich darauf, dass sie einen tisch brauchen?“

das klingt nicht patzig oder arrogant, das sollte standard sein – mit einem interessierten lächeln im gesicht.
das ist so logisch in allen branchen, also bitte auch in der gestaltung. jeder mensch erzählt gerne seine persönliche geschichte, wie er zu einer idee, einer vorstellung gekommen ist. genau darum geht es: die persönliche geschichte zu erfragen, zu entlocken. oft wird dekoriert und umgesetzt, zu wenig gefragt. zu wenig kommuniziert. zu wenig vertraut darauf, dass jeder mensch gerne fragen beantwortet, die sein handeln betreffen. das ist nicht nur pflicht, das macht spaß. und wer sich für menschen interessiert, der wird interessantes erfahren.

natürlich ist die umsetzung wichtig. das ist nicht der punkt. der punkt ist: das können wir alle. höchstens früher oder später. wir müssen nur verstehen, wie wichtig das WAS ist, und das wir nur dann diejenigen zur richtigen zeit am richtigen ort sein können, wenn wir offen sind und fragen stellen. es können soviele großartige dinge entstehen – und es passiert tagtäglich. die guten beispiele sind zahlreich, können aber noch mehr werden, denn schlechter wird es sicher nicht. und ganz nebenbei erfährt man noch mehr über andere menschen, wenn man nur nachfragt. man bereichert sein leben und kann damit wieder andere bereichern.

dafür kann man sich bezahlen lassen? ja, kann man. dann muss man auch nie wieder „zur arbeit“. also. dekorateur, oder gestalter?

Über das Ende der Werbung.

2 Comments

  1. Mama sagt:

    Das ist ja gewaltig! Wo hast du diese vielen Wörter her? Hat Spass gemacht, das zu lesen
    Liebe Grüsse
    Mama

  2. Vero sagt:

    Sag ich doch Lars!!! Wundervoll!
    Also: Wann? Was? Warum? Wie oft und wie lange? Wer noch??? Mit welchem Ziel? Auf welchem Weg? Und was nährt die Kraft dahinter? Machen wir uns doch einfach mal auf den Weg…

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